Zweitmeinungsberatung

„Es wird immer mehr operiert – aber ist jede OP auch nötig?“ titelten die Ruhrnachrichten am 23.10.2014. Welche Operationen kommen am häufigsten vor? Spitzenreiter waren im vergangenen Jahr die Darmoperationen – mit 367 185 Eingriffen. An zweiter Stelle folgen Gelenkknorpel- und Meniskusoperationen. In 210 364 Fällen wurden Patienten ein neues Hüftgelenk eingesetzt. Und im Kommentar der Zeitung: „Jede zweite Klinik schreibt rote Zahlen“.

Fortschritt in der Medizin (Band 25 2001/2002, DÄV, Köln) war der Titel einer zukunftsweisenden Tagung der Bundesärztekammer. Der schweizer Orthopäde Dr. Luzi Dubs hatte das Thema: „Der Patient als Experte: Neue Instrumente zur Messung von Patientennutzen und Lebensqualität“. „Ausgangspunkt für die orthopädische Beurteilung und die Interventionsentscheidung ist die Frage, was der Patient kann, was er will, was er braucht.“

Mein Thema gemeinsam mit dem Rheumatologen H.Zeidler auf der Tagung war: „Die Verbesserung der Lebensqualität als therapeutisches Ziel des Arztes am Beispiel der Arthrose und der Arthritis“. Dabei haben wir folgendes betont: „Die Bewältigung der chronischen Krankheitsfolgen bleibt eine lebenslange Aufgabe. Der Arzt muss dabei nicht die Krankheit (Diagnose) selber, sondern deren Auswirkungen auf das Individuum in den Vordergrund stellen – dies ist auch ein wichtiger Aspekt für die aktuelle und zukünftige gesundheitspolitische Diskussion. Er muss den Patienten als besten Experten seiner persönlichen Betroffenheit auf privater, beruflicher und gesellschaftlicher Ebene erkennen und verstehen. Auswahl, Einsatz und Bewertung von Medikamenten, Physiotherapie, Operation und Rehabilitation können nur unter dieser ganzheitlichen Betrachtung langfristigen Erfolg – die Verbesserung der Lebensqualität – versprechen.“

In der abschließenden Diskussion fassten wir zusammen auch unter Einbeziehung der Patientensicht und Selbsthilfegruppen: „Wenn es um die Verbesserung der Lebensqualität bei chronischen Erkrankungen wie Arthrose und Arthritis geht, müssen die Sichtweise der Patienten, die Umsetzbarkeit neuer Konzepte in der Praxis und die wissenschaftliche Fundiertheit möglichst zusammengeführt werden. Die Patienten möchten auch aus der passiven Rolle des behandelten Patienten in die Behandlung aktiv einbezogen werden. Sie möchten mehr über ihre Krankheit wissen und erfahren, sie möchten, dass ihre Kompetenz durch eine bessere Wissensvermittlung über ihre Krankheit gestärkt wird. Hierdurch kann auch die Compliance und Wirksamkeit der Therapie verbessert werden. Als Gegenleistung der Patienten wurde von der Sprecherin der Selbsthilfegruppen, Frau H. Germakowski, auf der o. g. Tagung mehr Eigenverantwortung der Patienten in den Raum gestellt. „Letztlich sei der Körper als biologisches Konstrukt mit Störungsmöglichkeiten zu akzeptieren – man müsse nicht mit jeder Befindlichkeitsstörung zum Arzt gehen. Der Mensch müsse auch die Verantwortung dafür übernehmen, dass er sich nicht immer wohl fühle.“

Vor diesem komplexen Hintergrund habe ich im Sommer 2013 im Klinikum einen Vortrag zur Patienteninformationsveranstaltung: „Die zweite Meinung: Wann muss ein Hüft- oder Kniegelenk wirklich ersetzt werden?“ gehalten.

Holen Sie sich eine zweite Meinung!

„Bevor eine Operation (Gelenkersatz) in Frage kommt, sollte man alle nicht-operativen Möglichkeiten ausschöpfen. Eine Operation sollte also nicht zu leichtfertig erfolgen. 90 % der Patienten kommen mit den nicht operativen Maßnahmen meist sehr lange zu recht. Achtung: Sollte eine Operation in Betracht kommen, die das Gelenk nicht durch eine Prothese ersetzt, sondern das eigene Gelenk verbessert, muss möglichst frühzeitig über diesen Eingriff nachgedacht werden. Je eher hier der Eingriff erfolgt, desto mehr Knorpel lässt sich erhalten.“

Wenn Sie als Betroffene nicht wissen, ob und welcher Operation Sie sich unterziehen sollen, können Sie sich eine zweite Meinung einholen. Sie können mir ihren „Fall“ schildern und erhalten unabhängig eine zweite ärztliche Meinung zu ihrem Befund!

Aus der Diagnose, besonders nicht aus dem Röntgenbild, folgt nicht zwangsläufig eine Operation. Es kommt auf die Beschwerden, die Funktionsbeeinträchtigung und deren Dauer und therapeutische Beeinflussbarkeit, auf die persönliche Lebenssituation und Betroffenheit, auf die anhaltende Beeinträchtigung der Lebensqualität und individuelle Leistungsfähigkeit an. Und bevor ein Gelenk ersetzt wird, ist zu prüfen, ob ein Erhaltungsversuch erfolgversprechend ist.

Auf der anderen Seite gehört die Implantation eines neuen Hüftgelenkes und mit den modernen Verfahren gilt dies auch für das künstliche Kniegelenk, den Oberflächenersatz, zu den erfolgreichsten Verfahren der operativen Medizin. Die renommierteste internationale medizinische Fachzeitschrift „Lancet“ bezeichnete die Hüfttotalendoprothese sogar als die Operation des Jahrhunderts. Wenn ständig Schmerzmittel nötig werden, die Beweglichkeit zu sehr unter Arthrose und Arthritis leidet, sogar Ruhe- und Nachtschmerzen auftreten und die Lebensqualität stark in Mitleidenschaft gezogen wird, kann zu langes Warten auch gravierende Nachteile haben. Hier gilt es den goldenen Mittelweg zu finden. Das ist die Aufgabe des Zweitmeinungsberatung.